Produktentwicklung „per Gesetz“ – Stromtarife zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Die Produktentwicklung im Strommarkt ist zur Hochseilakrobatik geworden. Gesetze wie § 14a EnWG oder § 9 EEG neu sollen die Netze stabilisieren – schaffen aber vor allem eines: Komplexität.
Netzdienliches Dimmen von Wallboxen und Wärmepumpen klingt vernünftig. Doch in der Praxis fehlen die intelligenten Messsysteme, Steuergeräte (CLS-Boxen) – und Vertrauen. Welcher Hausbesitzer versteht auf Anhieb, wie die notwendige Technik funktioniert und was sie mit geringeren Netzentgelten zu tun hat. Schlimmstenfalls entwickelt er die Vorstellung, dass man ihm im Januar die Wärmepumpe abschaltet…
Neue PV-Anlagen werden per Gesetz in ihrer Wirkeinspeiseleistung pauschal bis zum Einbau einer iMSys mit Steuerbox oder eines Rundsteuerempfängers (RSE) gedrosselt um einen „Brownout“ zu vermeiden. Dynamische Tarife nach § 41 a EnWG versprechen Einsparung – sofern die Nutzer ihre Haushaltsgeräte aktiv steuern oder automatisieren. Letzteres erfordert die Anschaffung steuerbarer Haushaltgeräte, Wärmepumpen, Wallboxen – und eines Energiemanagement-Systems, welches das Zusammenwirken „orchestriert“.
Doch halt, natürlich benötigt man auch dazu eine iMSy und eine Steuerbox, die wiederum wenig verfügbar sind. Und klar, es sind dann auch steuerbare Anlagen nach § 14a EnWG, bei denen der Netzbetreiber „mitsteuert“. Ob dann eine Direktsteuerung, beispielsweise der Wärmepumpe oder eine Steuerung über ein Energiemanagementsystem (EMS) erfolgt, muss dem zuständigen Netzbetreiber übrigens vorab gemeldet werden.
Wer soll das noch verstehen?
Für Vertriebsleiter und Produktmanager bei Stadtwerken stellt sich eine bittere Frage: Wie erklärt man dem Kunden ein Produkt, das durch Komplexität und Widersprüche im Energierecht selbst kaum verständlich ist? Wie kann man ein solches Produkt „einfach“ bestellbar und benutzbar machen? Wie kann man als Stadtwerk daran verdienen?
Einige technikaffine Eigenheimbesitzer werden sich gerne mit dieser Technik beschäftigen aber für die Mehrheit der Stromnutzer ist es das sprichwörtliche „böhmische Dorf“.
Noch mehr Aufgaben für die Stadtwerke-Vertriebe!
Hier zeigt sich ein (weiterer) Veränderungsbedarf für die Stadtwerke: Konnte man früher seine Produktpflege und ‑entwicklung mit den Parametern aus Beschaffung, Pricing, Portfolio-Management und Wettbewerbsbeobachtung bestreiten, benötigt das Produktportfolio der Zukunft einen übergreifenden Ansatz. Dieser wird zunehmend Aspekte wie Technik, digitale Vertriebskanäle, eine differenzierte Zielgruppen-Beobachtung und größerer Schnelligkeit erfordern. Nicht zuletzt, weil branchenfremde Start-ups hier mit einem wesentlich höheren Tempo agieren.